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Mit Kindern erzählen

Hier gibt es Geschichtenfutter: mehr

Projektleitung: Prof. Dr. Uta Hauck-Thum
Erzählerin:  Katharina Ritter
1. Was ist Mündliches Erzählen?
​Mündliches Erzählen gehört zu den grundlegenden Formen sprachlichen Handelns. Als eine der ältesten Kulturtechniken ermöglicht es Menschen, Erfahrungen zu strukturieren, Erlebnisse mit anderen zu teilen und gemeinsam Bedeutungen herzustellen. Erzählen dient dabei nicht allein der Weitergabe von Informationen, sondern der gemeinsamen Konstruktion von Wirklichkeit. Erzählungen entstehen im Zusammenspiel von Erzählenden und Zuhörenden, die Erfahrungen aufgreifen, Fragen stellen, ergänzen, Perspektiven wechseln und Geschichten gemeinsam weiterentwickeln. Erzählen kann deshalb als Prozess gemeinsamer Welterzeugung und als „elementare Form der Bildung geteilter Erfahrung“ verstanden werden (Flader & Hurrelmann, 1984, S. 224). Zudem ist das Erzählen die elementarste Form der Zuhör, Sprach, Lese- und Schreibförderung. Wer wissen will, wie die Geschichte weitergeht, hört auch aktiv zu. Wer Geschichten kennt, erzählt sie gerne auch anderen. Wer Geschichten mag, will wissen, wo sie stehen und liest sie vielleicht sogar nach. Und wer weiß, wie eine Geschichte aufgebaut ist, kann sie auch aufschreiben. (Claussen 2006).
Der Film entstand im Rahmen des Projektes Dem Drachen erzählen, ein Sprachförderprojekt der LMU München in Zusammenarbeit mit der Geschichtenerzählerin Katharina Ritter und Münchner Grundschulen, das dazu diente, sprachförderliche Potentiale des mündlichen Erzählens mit Kindern zu untersuchen. 
Die Ergebnisse des Projekts sind Ausgangspunkt des Folgeprojekts RobotErzählen, das sich mit der sprachlichen Beteiligung von Kindern beim mündlichen Erzählen in hybriden Interaktionsräumen beschäftigt. Ausgangspunkt beider Projekte ist der freudvolle und einladende Umgang mit Sprache im Dialog mit Kindern.
Hier der Film nochmal in besserer Qualität: ​​https://www.geschichtenerzaehlerin.de/film/DemDrachenErzaehlen.mp4
​​2. Worin besteht das sprachförderliche Potential des Mündlichen Erzählens? Das sprachbildende Potenzial des Erzählens liegt in seiner dialogischen Struktur. Sprache wird nicht isoliert erworben, sondern in sozialen Interaktionen, in denen Bedeutungen gemeinsam hergestellt und kommunikative Herausforderungen bewältigt werden. Im dialogischen Erzählen versprachlichen Kinder Erlebnisse und Erfahrungen, greifen Beiträge anderer auf, reagieren auf Nachfragen und entwickeln Erzählungen gemeinsam weiter. Sprachliches Lernen vollzieht sich dabei im Zusammenspiel von Zuhören, Sprechen und gemeinsamem Sinnaufbau (Mörs, 2020).
Dass dialogisches Erzählen einen zentralen Erwerbskontext für sprachliche Entwicklung darstellt, zeigen Untersuchungen zur Entwicklung diskursiver Kompetenzen (Morek & Heller 2012, Quasthoff et al. 2020, Heller & Morek 2022). Mit Blick auf narrative Fähigkeiten entstehen diese vor allem in wiederkehrenden dialogischen Unterstützungsprozessen, in denen Erwachsene oder kompetentere Gesprächspartner kindliche Erzählungen aufgreifen, durch Fragen und Impulse strukturieren und ihre Weiterentwicklung unterstützen. Auf diese Weise erwerben Kinder schrittweise die Fähigkeit, Erzählungen adressatenorientiert, kohärent und zunehmend selbstständig zu gestalten. Narrative Kompetenz entwickelt sich somit nicht als individuelle Leistung, sondern als Ergebnis sozialer Interaktion und gemeinsamer Bedeutungsherstellung (ebd.) 

3. 
Was wird erzählt?
​Für das mündliche Erzählen eignen sich unterschiedliche Genres:
  • traditionelle Märchen aus dem deutschsprachigen Raum,
  • Märchen aus aller Welt,
  • Sagen aus verschiedenen Regionen und Ländern,
  • Abenteuer-, Fantasie- und Tiergeschichten,
  • Kettenmärchen und Quatschgeschichten,
  • Erlebnisse aus der eigenen Kindheit.
Lerninhalte sollten nicht in einer Geschichte verpackt werden. Im Mittelpunkt stehen das Erzählen und der Inhalt der Geschichte selbst.
Geeignete Quellen sind beispielsweise Sammlungen der Brüder Grimm, sowie die Portale zeno.org und sagen.at.

Zudem finden sich zahlreiche Geschichten hier!
​
4. 
Wann, wo und wie wird erzählt? Mündliches Erzählen sollte regelmäßig stattfinden. Hilfreich ist eine feste Erzählzeit, die durch spontane Erzählanlässe ergänzt wird.  Eine Geschichte zum Geburtstag eines Kindes kann zu einem besonderen Ritual werden. Erzählt wird an einem ruhigen Ort. Im Klassenzimmer wird deshalb am besten nicht vor der Tafel oder in der Nähe der Tür erzählt. 
Erzählt wird zudem frei, verständlich und in einer natürlichen Stimme. Entscheidend ist eine authentische Erzählweise. Mimik und Gestik können zurückhaltend oder lebhaft eingesetzt werden, sofern sie zur erzählenden Person passen. Die Lehrkraft begegnet den Kindern auf Augenhöhe und zeigt sich auch persönlich. Eigene Kindheitserinnerungen, Mundart oder Dialekt können die Erzählung bereichern und dazu beitragen, dass die Lehrkraft als glaubwürdiges Erzählvorbild wahrgenommen wird.

5. 
Wie merkt man sich eine Geschichte? Eine Geschichte sollte nicht Wort für Wort auswendig gelernt werden. Freies Erzählen orientiert sich an inneren Bildern und an der Abfolge zentraler Handlungsschritte. Wird ein fester Text lediglich rezitiert, verliert die Erzählung an Lebendigkeit. Beim freien Erzählen entsteht die Geschichte im Dialog mit den Zuhörenden jedes Mal wieder neu und anders. Die erzählende Person folgt einer inneren Landkarte, auf der Figuren, Orte und Handlungsschritte verankert sind, aber variabel bleiben.
Folgende Schritte unterstützen das Einprägen:
  • Die Geschichte erst leise lesen und dann laut vorlesen.
  • Die Handlung auf ihre zentralen Stationen reduzieren.
  • Die Storyline als Kreis, Pfad oder Folge von Kästchen darstellen.
  • Die wichtigsten Stichwörter notieren oder als Sprachnachricht festhalten.
  • Die Geschichte entlang der Handlungsschritte erzählen.
  • Die Geschichte zunächst einer vertrauten Person und anschließend einem direkten Gegenüber erzählen.
Mit zunehmender Übung genügt die innere Vorstellung der Handlung. Die einzelnen Bilder, Orte und Figuren werden während des Erzählens aufgerufen und flexibel ausgestaltet.

​6. Wie wird auf Störungen reagiert?
Kinder reagieren auf frei erzählte Geschichten häufig unmittelbar. Sie flüstern, kommentieren, identifizieren sich mit Figuren oder tauschen sich mit anderen aus. Solche Reaktionen sind nicht grundsätzlich als Störung zu bewerten. Sie zeigen, dass die Kinder innerlich und sprachlich beteiligt sind.
Auch wenn ein Kind ungefragt reinruft, muss dieses Verhalten beim Erzählen nicht zwangsläufig reglementiert werden. Passt der Beitrag zur Geschichte, greift die Lehrkraft diesen auf und nutzt ihn als Gesprächsanlass, ohne den Erzählfluss unnötig zu unterbrechen. Inhaltliche Relevanz ist beim Erzählen immer wichtiger als formale Korrektheit (Hauck-Thum 2017).
Mit Störungen sollte grundsätzlich flexibel umgegangen werden. Regeln werden möglichst aus der gemeinsamen Erzählsituation heraus begründet, etwa mit dem Hinweis, dass die Störung eine Geschichtenfigur an der Problemlösung hindert.

7. Wie werden Kinder beteiligt?
  • Fragen stellen
Im Geschichtenverlauf werden offene Fragen an die Kinder gerichtet, auf die man nicht schon vorher eine bestimmte Antwort erwartet. (Wie transportiert der Hans wohl seinen Lohn nachhause? Wie sieht es bei den Leuten im Häuschen wohl aus? Was trägt die Prinzessin heute? Warum können Tiere eigentlich keine Zähne putzen?) Die Fragen sollten für die Kinder interessant sein und an die Handlung anschließen. Die Lehrkraft bündelt unterschiedliche Antworten, greift relevante Beiträge auf und lädt zurückhaltende Kinder gezielt zur Beteiligung ein.
Ausführliche Beiträge können freundlich begrenzt werden. Bei Kindern, die zunächst nicht antworten, lohnt sich ein weiterer Versuch des Nachfragens. Wiederkehrende Beteiligungsgelegenheiten zeigen Kindern, dass jede Stimme zählt, auch wenn die sprachlichen Mittel noch begrenzt sind. Die Geschichte gibt die Richtung vor. Kleine Abschweifungen und ergänzende Nachfragen und Beiträge sind möglich, solange der Handlungszusammenhang erhalten bleibt. Die Lehrkraft kennt den Verlauf und führt die Gruppe nach kurzen Unterbrechungen immer wieder zur Geschichte zurück.
  • Geräusche einbeziehen
Kinder können Geschichten durch Geräusche mitgestalten. Sie können säuseln, wispern, fauchen, gurgeln oder rauschen. Solche Formen der Beteiligung sind niedrigschwellig und unabhängig vom jeweiligen Sprachniveau möglich. Geräusche sollten im Verlauf der Geschichte mehrfach aufgegriffen und gezielt eingefordert werden.
  • Bewegungen einbeziehen
Auch Bewegungen können das Erzählen unterstützen. Kinder können mit Händen und Körper Geräusche oder Handlungen darstellen, etwa Pferdegetrappel, Schleichen oder Davonlaufen. Steht ein Kind spontan auf, sollte es ruhig und klar in die gemeinsame Erzählsituation zurückgeführt werden. Die Geschichte bleibt dabei der Bezugspunkt.
  • Perspektivwechsel ermöglichen
Perspektivwechsel erleichtern Kindern die Beteiligung und können belastende Situationen entschärfen. Bei einer furchteinflößenden Figur können die Kinder beispielsweise deren Rolle übernehmen und überlegen, was sie sagt oder tut (“Welches Geißlein fress ich denn heute?”). So gewinnen sie Abstand, erleben Handlungsmacht und können eine bedrohliche Situation aus einer anderen Perspektive betrachten.

8. Was tun, wenn Angst entsteht?
Zu Beginn kann mit den Kindern darüber gesprochen werden, ob sie sich schon einmal während einer Geschichte gefürchtet haben und was ihnen dabei geholfen hat. So können Kinder eigene Erfahrungen einbringen und voneinander lernen.
Hilfreich sind klare Handlungsmöglichkeiten:
  • die Hand einer Freundin oder eines Freundes nehmen
  • deutlich sagen: „Stop, das wird mir zu viel.“
Die Kinder sollen wissen, dass die Geschichte gemeinsam erzählt wird und ihre Reaktionen ernst genommen werden.

9. Welche Regeln sind in der Erzählzeit notwendig?
Für die Erzählzeit braucht es klare und nachvollziehbare Regeln:
  • Die Geschichte wird nur in dringenden Fällen verlassen.
  • Essen und Trinken finden außerhalb der Erzählzeit statt.
  • Beiträge sind immer willkommen, wenn sie zur Geschichte passen.
  • Die Kinder sitzen so, dass gemeinsames Zuhören und Erzählen möglich bleiben. Ein Sitzkreis ist ungeeignet, da die Kinder neben der Lehrkraft diese nicht sehen können, ohne sich zu verdrehen. Erzählt wird immer im Kinohalbkreis mit mehreren Zuschauerreihen, die versetzt sitzen, um gut sehen zu können.
  • Alle achten auf die Beiträge der anderen.

10. Wie werden Kinder zum Erzählen eigener Geschichten angeregt?
Jedes Kind sollte im Verlauf eines Schuljahres Gelegenheit erhalten, selbst eine Geschichte zu erzählen. Erzählspiele und Übungen aus einer Erzählwerkstatt können darauf vorbereiten. Zur Erzählwerkstatt erhalten Sie gesondert Materialien, die zum Erzählen anregen.
Zudem helfen unterstützende Techniken:
  • einen gemeinsamen Erzählzauberspruch entwickeln,
  • einen besonderen Erzählhocker oder ein Erzählkissen verwenden,
  • ein „Erzählkind des Tages“ bestimmen, das die Lehrkraft beim Erzählen im Dialog besonders unterstützt,
  • regelmäßige Erzählzeiten und besondere Erzählevents etablieren,
  • Techniken zum Einprägen von Geschichten gemeinsam erproben (z.B. Geschichtenkreis zeichnen),
  • den Geschichtenkreis in kleinen Gruppen oder im Klassenverband zeichnen.
Die Anforderungen in Bezug auf Länge und Komplexität der Geschichte sind abhängig vom Alter und den sprachlichen Fähigkeiten der Kinder. Beim eigenen Erzählen übernehmen Kinder Verantwortung für ihre Geschichte. Sie gestalten Figuren, Handlung, Spannung und Auflösung. Dadurch erfahren sie sich nicht als Randfiguren, sondern als Gestalter:innen eines eigenen Erzähluniversums. Wichtig ist, den Kindern den Unterschied zwischen Erzählen und Nachspielen zu verdeutlichen. Die Kinder (und auch Sie) schlüpfen beim Erzählen nicht in eine Rolle, sondern erzählen von ihr. Gefühle werden nicht erklärt (“Da hatte der Drache sicher große Angst.”). Erzählt wird vielmehr, wie sich Figuren in den Situationen verhalten. 


Literatur:
Claussen, C. (2006). Mit Kindern Geschichten erzählen. Berlin. Cornelsen.
Flader, D., Hurrelmann, B. (1984). Erzählen als Handlung. In K. Ehlich (Hrsg.), Erzählen im Alltag. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Hauck-Thum, U. (2017). „Mit Erzählen Schule machen“ – Interaktionsstrukturen beim mündlichen Erzählen. In. Zeit für Geschichten! Erzählen in der kulturellen Bildung. Wardetzky, K./Hübsch, N. (Hg.): Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 46-55.
Heller, V., Morek, M. (2022). Fachliches und sprachliches Lernen durch diskurs(erwerbs)orientierte Unterrichtsgespräche. Empirische Evidenzen und Desiderata mit Blick auf inklusive Settings. Didaktik Deutsch, (46), https://didaktik-deutsch.de/index.php/dideu/article/view/576.
Mörs, M. (2020). Bildungssprachliche Kompetenzen in allen Fächern mit digitalen Medien entwickeln. Zuhören fördern. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.“
Morek, M., Heller, V. (2012). Bildungssprache - Kommunikative, epistemische, soziale und interaktive Aspekte ihres Gebrauchs. In. Zeitschrift für angewandte Linguistik, (2012) 57, S. 67-101. 
Quasthoff, U. M., Heller, V., Morek, M. (2020). Diskurskompetenz und diskursive Partizipation als Schlüssel zur Teilhabe an Bildungsprozessen, DOI: 10.1515/9783110707168-002. In. Diskurserwerb in Familie, Peergroup und Unterricht. Passungen und Teilhabechancen, De Gruyter.

 Prof. Dr. Uta Hauck-Thum

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